Erinnerungen und Berichte von SVU-Mitgliedern

An dieser Stelle finden Sie Erinnerungen und Berichte aus dem Kreis unserer Mitglieder

 

 

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Erinnerungen an meine Kindheit

Unsere Familie hat den II. Weltkrieg überlebt und meinen Eltern gelang es, in dem in Trümmer liegenden Budapest eine kleine Wohnung zu finden.

Als 8-Jähriger las ich in der Schule einen Aufruf, dass das Schweizerische Rote Kreuz gesundheitlich ange-schlagene kranke Kinder sucht für 3-monatige Sommer­ferien in der Schweiz

Durch Empfehlung des Schularztes kam ich in die engere Wahl, aber wegen Krank­heiten und anderen Problemen konnten von meiner damaligen Schule letztlich nur Zwei die Rei­se antreten. Nach etlichen Untersuchungen und Kontrollen durften wir mit den Reisevor­bereitungen beginnen, und Anfang Juni 1947 gab es in der Aula der Universität in der Kecskeméti utca eine einfache Abschiedsfeier.

Es wurde uns eine Karte mit allen wichtigen Daten um den Hals gehängt, und unsere Rei­se begann mit einem Sonderzug des Schweizerischen Roten Kreuzes am Budapester Ostbahnhof (Keleti pu.). Unterwegs sahen wir überall noch die Trümmer und Kriegsfolgen. Am späten Nachmittag – es war noch hell – erreichten wir nach zahlreichen Halten und langem Warten die Donau bei Wien. Mit Hilfe riesiger Baumstämme wurde dort eine pro­visorische Eisenbahnbrücke gebaut. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Waggons gewackelt haben, als der Zug im Schritttempo über die Donau fuhr. Unser Zug war noch auf der Brücke, als wir uns alle auf den Boden legen mussten, weil die Russen den Zug beschos­sen, dessen Waggons deutlich mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet waren. Die Ursache dieser "Ballerei" blieb uns unbekannt. Unter­wegs auf dem weiteren Weg in Richtung Schweiz haben wir jedenfalls die Berge bewundert, und später in Decken auf dem Boden geschlafen.

Am Grenzort Buchs in der Schweiz wurden wir ärztlich untersucht, und nach einer Dusche und einem feinen Frühstück fuhren wir weiter. Nach mehrmaligem Umstei­gen gelangte ich nach Schwanden (Schwanden/Weinberg, GL), zur Familie Hefti. Diese Familie hatte 4 Kin­der, und mich hat man als Fünftes ferienhalber aufgenom­men. Frau Hefti selber hat mich am Bahnhof abgeholt, und mit einem kurzen Spa­ziergang haben wir ihr Haus er­reicht, wo mich eine feine Vesper mit Brot, frischer Butter, Honig und Johannisbeeren erwartete.

Einige Tage später kam ein in der Nähe wohnendes kinderloses Ehepaar und frag­te, ob ich zu ihnen kommen würde. Mit dem Einverständnis des Roten Kreuzes durfte ich zur Familie Müller-Hämmerli wechseln!

Herr Müller war in der Entwicklung der „Therma AG“ als Elektrotechniker beschäf­tigt, Frau Müller war Klavierlehrerin. Schöne, unvergessliche Ferien verbrachte ich bei diesem Ehe­paar.Beide waren naturliebend. Und Herr Müller hat in seiner Frei­zeit mit Pastellkreide zahlreiche Bilder geschaffen.

Während der Ferien in der Schweiz habe ich erstmals Postautos gesehen und später bei meiner Flucht 1956 in Eisenstadt wiedererkannt. So kam ich zum zweiten Mal in die Schweiz. Aus der 1947-er Zeit besitze ich auch noch Fotos.

Erst viele Jahre später – zirka 1994 – habe ich als Mitglied des „Schweizer Verein Ungarn“ Frau Raymonde Berthoud kennengelernt und erfahren, dass sie die Initia­torin dieser Ferienaktion war. Frau Berthoud hat den II. Weltkrieg in Ungarn er­lebt, durfte jedoch das Land nicht verlassen.

Nach den in der Schweiz verbrachten Ferien haben wir von der Familie Müller monatlich ein 2 Kg. schweres Paket erhalten. Darin befand sich z.B. Ovomaltine, Schokola­de und Dörrobst. Im Jahr 1949 wurde die Zustellung jedoch vom ungarischen Staat verboten mit der Be­gründung: „Es ist keine weitere Hilfe notwendig!“

Das letzte Lebenszeichen von uns hat Familie Müller an Weihnachten 1948 er­reicht. Im Dezember 1956 habe ich dann überraschend festgestellt, dass die Fami­lie Müller lebt. Nach einem kurzen Telefongespräch haben Müllers mich einge­laden, und so kam ich auch nach Schwanden noch ein zweites Mal!

Dömötör Josef, geb. 21.04.1939