Die Neugründung des Schweizervereins

 

Kurz nach dem Mauerfall in Berlin und der politischen Wende wurde es in Ungarns Schweizerkolonie unruhig. Lange genug hatte man gewartet....

 

Am 28. Mai 1991 kam es im Saal "Heiliger Stefan" des Hotels Korona zur Gründungssitzung des neuen Vereins, und am 19. November des gleichen Jahres und am selben Ort zur ersten konstituierenden Generalversammlung. Massgeblich treibende Kraft dieser Neugründung war - wie könnte es anders sein - natürlich Raymonde Berthoud.

 

Bei dieser ersten GV waren laut Protokoll 62 Personen anwesend, darunter Botschafter Max Dahinden, Botschaftsrat Erwin Hoffer, Frau Raymonde Berthoud, sowie Silvia Juhasz, von der noch zu sprechen sein wird.

 

Die Anfänge des Vereins waren nicht ohne Probleme. Nachdem Raymonde sich bereits nach einem Jahr aus Altergründen entlasten liess und ins zweite Glied zurückzog, folgte ihr Viktor Kern auf den Präsidentenstuhl, Direktor einer damals in Ungarn aktiven Firma. Dass besagte Firma sich nach kurzer Zeit aus Ungarn zurück zog und damit auch Viktor Kern das Land verliess, war ausgesprochenes Pech für den Verein, blieb doch der Präsidentenstuhl für lange Monate verwaist.

Ich selber wurde, nachdem ich 1992 dem Verein beigetreten war, Anfang 1993 während eines Meetings der damaligen Schweizerisch-Ungarischen Handelskammer völlig überraschend von zwei Damen angesprochen und darauf aufmerksam gemacht, dass beim SVU das Amt des Präsidenten seit Monaten vakant sei, und dass man mich gerne als Nachfolger sehen würde. Ich bat mir Bedenkzeit aus, gab aber nach einigen Wochen schliesslich meine Zustimmung. Hätte ich geahnt was auf mich zukam, würde ich mir die Sache wohl etwas reiflicher überlegt haben, denn nach Amtsantritt musste ich sehr rasch feststellen, dass einiges im Argen lag, insbesondere betreffend Mitgliederverwaltung und anderen "Kleinigkeiten".


Eine der ersten Aufgaben die ich deshalb anpackte, war die Umstellung der bisher mühsam "von Hand" geführten Mitgliederverwaltung, indem ich sämtliche Daten digital erfasste. Dasselbe geschah anschliessend auch mit der Buchhaltung, nachdem Bankdirektor Stefan Ottrubay, welcher dies bisher besorgt hatte, aus beruflichen Gründen das Land verliess.

Während uns bisher gewisse Faktoren eigentlich erst Ende des Jahres in absoluten Zahlen vorlagen, hatten wir nun jederzeit einen perfekten Überblick hinsichtlich der Finanzlage des Vereins, und gleichzeitig anhand der Digitalisierung auch die Möglichkeit, Korrespondenzen und Informationen für die Mitglieder per Email zu versenden und damit gehörig Porti zu sparen.

Ein Jahr später (1994) rief ich dann die Vereinszeitschrift ins Leben, die anfänglich unter dem Namen "SVU-Journal" versandt wurde, später dann als "Vilmos Tell". Zur Kosteneinsparung erfolgte die Zustelllung wo immer möglich in Form einer PDF-Datei und per Email. Später stellte ich die Zeitschrift auch auf der Webseite zum Downloaden bereit. In der Regel produzierte ich jährlich 4-5 Ausgaben, nach Möglichkeit unmittelbar nach grösseren Anlässen, so dass Mitglieder, welche diesen altershalber, aufgrund von Krankheit oder der Entfernung fernbleiben mussten, einigermassen aktuell über das Vereinsgeschehen informiert wurden. Die Zeitschrift existierte bis ins Jahr 2014. Dann wurde ihm aus mir (und anderen Mitgliedern) noch immer unverständlichen Gründen der Todesstoss versetzt. Wobei anzumerken ist, dass heute im Gegensatz zu den Anfängen weder Druck- noch Versandkosten anfallen würden!


Besser erging und ergeht es (noch?) der Webseite des Vereins. Diese stellte ich erstmals im Jahr 2007 online und hielt sie über etliche Jahre persönlich und auf eigene Kosten aktuell. Auch dies ist heutzutage wesentlich günstiger möglich, gibt es doch jetzt eine Vielzahl von Host-Anbietern, welche dies sogar gratis und franko anbieten. Aber immerhin, die Vereins-Webseite existiert weiterhin und wird zurzeit betreut von István Baán.

 

Absolut erfreulich und ein echter Glücksfall war für mich persönlich immer die Zusammenarbeit im Vorstand und ich werde etwas wehmütig wenn ich dabei an Personen zurück denke, die schon seit Jahren nicht mehr unter uns weilen. Erwähnen möchte ich hier in erster Linie natürlich Madame Raymonde Berthoud, aber auch Namen wie etwa Gábor Koloszár und Részö Minder. Letztere begleiteten uns viele Jahre als aufmerksamer und kompetenter Chefrevisor bzw. Revisor. Als äusserst liebenswürdige Beisitzerin ex officio seitens der Botschaft bleibt mir auch Konsulin Yvonne Daucourt in Erinnerung, welche uns 1997 durch ihren allzu frühen Tod entrissen wurde.

 

Eine ganz bestimmte Person verdient es jedoch, hier ganz speziell gewürdigt zu werden. Eine Frau, die mit Sicherheit nicht nur bei mir in bleibender Erinnerung weiterlebt.



Silvia Juhász Senior,

die sprichwörtlich gute Seele des Vereins ab dessen Anfängen 1991

bis zu ihrem vollkommen unerwarteten Tod am 1. Februar 2016. 

 

Silvia, eine gebürtige Schaffhauserin, zog meines Erinnerns mit Ehemann und Sohn bereits in den Siebzigerjahren nach Ungarn und war, wie wir aus dem vorangehenden Kapitel wissen, an der Gründungssitzung mit beteiligt. Zuerst als Sekretärin, dann über viele Jahre als Kassierin, war sie ununterbrochen bis zu ihrem letzten Tag unermüdlich für den Verein tätig.

 

Sie wurde mir in den 19 Jahren unserer Zusammenarbeit im Vereinsvorstand nicht nur zu einer wahrhaft guten Freundin, sondern war auch unumstritten die sprichwörtlich gute Seele des Vereins.

 

Vor allem aber diente sie dem Verein über viele Jahre nicht nur als allseits geschätztes Vorstandsmitglied, sondern insbesondere als zuverlässige Kassierin und "Kennerin" des Vereins, gab es doch kaum ein Mitglied, welches sie nicht persönlich kannte und mit Namen anzusprechen wusste. Wohl nicht zuletzt deshalb war sie die Ansprechperson im Verein.

 

Und egal ob es um Krankenbesuche, das Besorgen von Blumen für Ehrungen oder Beerdigungen, oder um das Verpacken und den Versand der anfallenden Post ging, überall war sie unermüdlich und engagiert an der Arbeit. Die Eingangskontrolle und das Einkassieren von Kostenbeiträgen bei den Anlässen... "Kein Problem, das mache ich" hiess es immer. Zur Bank gehen oder die neue Adresse von umgezogenen Mitgliedern ausfindig machen? Schon erledigt.

 

Vom Vorstand beauftragt war Silvia auch in Sachen "Unterstützungsfond", welcher in den Anfangsjahren des neuen Vereins noch bestand, und erst gegen die Jahrtausendwende mangels Nachfrage liquidiert wurde. Aus dem Fond wurden Zuwendungen an bedürftige Mitglieder bestritten, im Einzelfall aber auch an Personen die zwar ungarischer Nationalität waren, jedoch von schweizerischen Auswanderern abstammten. Es ging nie um grosse Beträge, dazu hätten die Mittel des Vereins auch nicht ausgereicht, aber immer waren die Empfänger sehr dankbar für die Hilfe, und praktisch Mal für Mal war es Silvia, die uns im Vorstand auf Notfälle aufmerksam machte.

 

Ich habe selten in meinem Leben eine derart engagierte und liebenswerte Frau kennen gelernt. Und man brauchte sie nicht danach zu fragen, man wusste und man spürte es.... für Silvia war der Schweizerverein wahrhaftig ein Stück Heimat!

 

Übrigens... in der Person ihrer Tochter Silvia Junior hat uns Silvia Juhász eine würdige Nachfolgerin hinterlassen, die sich der Vereinsangelegenheiten mit dem selben Elan annimmt, wie es ihre Mutter getan hat