Vereinsleben im Sozialismus

 

Nachdem der Verein im Jahr 1948 durch das sozialistische Regime verboten wurde, kam zumindest das "offizielle" Vereinsleben weitgehend zum Erliegen. Wie wir im vorangehenden Kapitel erfahren haben, fanden aber trotzdem auch nach dem 2. Weltkrieg weiterhin Treffen innerhalb der Schweizerkolonie statt. Einerseits wohl auf Initiative der Botschaft und eines weiterhin bestehenden und "inoffiziell" wirkenden Vorstandes, später vor allem durch das Wirken von Frau Raymonde Berthoud.

 

Antal András Kováts schreibt dazu: "Obwohl eine gemeinschaftliche Privatorganisation des schweizerischen Kolonielebens in Ungarn unter den herrschenden politischen Verhältnissen nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1948 allmählich unmöglich wurde und praktisch alle Aktivitäten nur unter dem Schirm der diplomatischen Vertretung ausgeführt werden konnten, war die Seele und der Antriebsmotor der Kolonie eine in Ungarn lebende Schweizerin, Raymonde Berthoud."

Auch über diesen Zeitraum liegen nur wenige schriftliche Unterlagen vor, und fast alle Zeitzeugen welche uns allenfalls noch darüber berichten könnten, sind leider längst verstorben. Wir wissen aber, dass Frau Raymonde Berthoud unermüdlich Kontakt mit ihren Landsleuten hielt, dass sie diese besuchte und persönliche Treffen im privaten Rahmen arrangierte.

 

Einzelne dieser Treffen - insbesondere die Feier zum Schweizerischen Nationalfeiertag 1. August - konnten dank der Botschaft bereits in den 60er-Jahren auf deren Gelände in der Stefánia ut stattfinden.

 

In den 1970er-Jahren bis 1990 schliesslich erhielt die Schweizerkolonie Gastrecht in den Räumen der Reformierten Kirchgemeinde von Pfarrer Zoltán Balog in der Hold utca.

 

Letzterer erzählte anlässlich der 1.-Augustfeier des Vereins im Jahr 2016 in seiner Ansprache eine berührende Episode aus dem Leben von Raymonde Berthoud, welche in den dunklen 1940er-Jahren in Budapest einen jüdischen Arzt versteckte, ihn aber in der Nachkriegszeit aus den Augen verlor, obwohl beide weiterhin in Ungarns Hauptstadt lebten. Erst im hohen Alter - scheinbar zufällig - fanden sie sich durch Pfarrer Balog wieder. Der Arzt habe ihn damals gefragt, «Herr Pfarrer, kann man mit 95 Jahren noch heiraten?» Es kam leider nicht dazu, wie Balog erzählte, denn Madame Berthoud starb kurze Zeit darauf.

 

An dieser Stelle scheint es angebracht, dieser grossartigen Frau, welche so viel für die Schweizerkolonie und den Verein getan hat, etwas ausführlicher zu gedenken: 

 

Raymonde Berthoud

Gründerin, Ehrenpräsidentin und Grande Dame des Vereins (1920-2007).

 

Raymonde Berthoud mit dem damaligen Bundespräsidenten Villiger bei der Verleihung des von der FDP Schweiz International gestifteten und seinerzeit erstmals verliehenen Auslandschweizer-Preises im Jahr 2002.

 

1941 kam Raymonde Berthoud als junge Frau nach Budapest, um hier an der Musikakademie zu studieren. Einer ihrer berühmten Lehrer war Zoltán Kodaly. In dieser Zeit kam sie auch in Kontakt zum Schweizer Konsul Carl Lutz und war intensiv an dessen Bemühungen beteiligt als es darum ging, die jüdische Bevölkerung vor dem Würgegriff der Nazis zu schützen. Nach Ende des Krieges war sie als Dolmetscherin für das Rote Kreuz in Budapest tätig. und 1948 trat sie dem damaligen Verein bei, der jedoch aus politischen Gründen kurze Zeit später verboten wurde.

 

Während in den Fünfzigerjahren die Zusammenkünfte der Schweizer sich am Rande der Legalität bewegten, konnten wie erwähnt bereits in den Sechzigerjahren wieder 1. August-Feiern abgehalten werden. Es brauchte jedoch die "Wende", bis Raymonde Berthoud Anfang der Neunzigerjahre als treibende Kraft den Schweizer Verein Ungarn wieder offiziell zum Leben erwecken konnte, und gleich dessen erste Präsidentin wurde. Aus gesundheitlichen Gründen trat sie 1992 ins zweite Glied zurück. Sie wurde mit dem Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn ausgezeichnet, überreicht vom damaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, bekam im Weiteren vom V. Bezirk der Stadt Budapest das Verdienstkreuz zugesprochen, und erhielt 2002 den von der FDP Schweiz International erstmals verliehenen Preis als "Auslandschweizerin des Jahres".

 

Die Verstorbene war als Wohltäterin und Integrationsfigur der Schweizer Gemeinschaft in Ungarn ein wichtiges Bindeglied zwischen Ungarn und der Schweiz, und hat sich dadurch bleibende Verdienste erworben.

 

Persönlich durfte ich sie als zwar bescheidene, aber dennoch durchsetzungskräftige und charmante Dame kennenlernen, und ich war stolz darauf, als sie mir als frisch gewähltem Präsidenten - in ihren Augen aber sicherlich noch junges Bürschchen - das "Du" antrug. Eine Ehre war es jeweils auch - sowohl für mich wie auch meine Ehefrau - wenn wir von Raymonde in ihre Wohnung in der Lendvaystrasse zum Essen eingeladen wurden.

 

Im Jahr 2007 verstarb Raymonde Berthoud im Alter von 87 Jahren und fand ihre letzte Ruhe auf dem Kerepesi uti temetö in Budapest. Ihre Persönlichkeit wird uns in bleibender Erinnerung bleiben.

 

 

Kurzbiographie von Raymonde Berthoud

 

1919  -  Geboren in Neuchatel, Tochter des Nationalrates Henri Berthoud.

1941  -  Musikstudien in Budapest.

1943  -  Erste Kontaktaufnahme mit der Schweizerbotschaft.

1944  -  Vorstandsmitglied und Kuratorin der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde

             (heute Evangelisch Reformierte Gemeinde) in Budapest.

1947  -  Mitarbeiterin des Schweizerischen Roten Kreuzes in Budapest.

1948  -  Wahl in den Vorstand des damaligen Schweizervereins.

1957  -  Sie nimmt am Auslandschweizertreffen in Brunnen teil.

1960  -  Ausforschung der Mitglieder der Schweizerkolonie.

1970  -  Organisation regelmäßiger Programme für die Kolonie, gemeinsam mit der Botschaft.

1991  -  Neugründung des Schweizervereins. Sie wird zu dessen erster Präsidentin gewählt.

1995  -  Ernennung zur Ehrenpräsidentin des SVU

1997  -  23. Oktober. Sie wird mit dem Verdienstkreuz der Innen-Leopoldstadt (V. Bezirk, Budapest) ausgezeichnet.

1998  -  31. Oktober. Sie wird mit dem Offizierskreuz des Verdienstordens ausgezeichnet.