Der im Jahr 1886 gegründete "Schweizer Unterstützungsverein in Ungarn"

 

Ausgehend und auf Initiative vor allem von Geschäftsleuten schweizerischer Herkunft, konstituierte sich in Budapest im Jahr 1886 der Vorläufer des heutigen Vereins, damals unter dem Namen "Schweizer Unterstützungsverein in Ungarn".

 

Dass neben den 82 Budapester Vereinsmitglie­dern auch deren 25 aus der Provinz mitwirkten, belegt die Bedeutung des Schweizer Unterstützungsvereins in Buda­pest und seiner „Geselligen Section“ als Sammelpunkt schweizerischer Traditionspflege und helvetischen Bewusst­seins in Ungarn, ist aber zugleich auch ein Hinweis auf die nicht wenigen Schweizer, welche damals ausserhalb von Budapest auf dem Land lebten.

 

Im ersten Jahresbericht - welcher natürlicherweise etwas von der heute üblichen Schreibweise abweicht - finden sich die folgenden Ausführungen, welche Ursache und Zweck der Vereinsgründung erläutern:

 

"Die Meisten von uns aber wissen aus Erfahrung, wie in Ungarn nicht selten solche Perioden wirtschaftlicher Blüthe nur allzu rasch in das Gegentheil umschlagen, Wechselfälle, welche dann unsere ärmeren Mitbürger ebenso hart, wenn nicht härter, als die eigenen Landeskinder betreffen. Darum halten wir es denn auch für gut, wenn sich nun in Tagen des Überflusses ein Sparpfennig ansammelt für Zeiten der Noth, welche auch nicht ausbleiben werden.“

 

Wie sich auch aus dem gewählten Namen des Vereins ergibt, stand bei der Vereinsgründung zweifellos das Bemühen im Vordergrund, in Not geratenen Landsleuten zu helfen. Wie notwendig dies war, lässt sich sehr leicht anhand der Aufzeichnungen belegen.

Áron Gábor Papp schreibt in seiner Arbeit zur Erlangung des Magistergrades "SCHWEIZER EINWANDERER IM RAUM PEST-OFEN" vom 21. April 1986:

"1867 hatte man an zwölf Schweizer aus acht verschiedenen Kantons insgesamt 84 Forint Unterstützung ausbezahlt. Ein Jahr später stiegen die Ausgaben zur Unterstützung bedürftiger Schweizer bereits auf 258 Forint. Diese wurden an 35 Personen aus 11 Kantonen vergeben. Leider waren die Jahresberichte des Vereins in Budapest nicht vollständig auszumachen. Die vorhandenen Angaben belegen aber, dass die Aktivitäten des Vereins unabdingbar waren. Die Un­terstützung der Bedürftigen erschöpfte sich meist in der Finanzierung der Repatriierung der in Not geratenen Schwei­zer (teilweise in der Erstattung der Fahrtkosten nur bis Wien), und beschränkte sich auf die Linderung der zumeist un­verschuldeten Not. Der Konsularbericht aus dem Jahre 1877 bescheinigt dem Verein zwar redliche Anstrengungen, belegt aber gleichzeitig, dass dieser aufgrund „der bescheidenen Lebensstellung vieler seiner Mitglieder“ als privatrechtli­che Or­ganisation nicht über die ausreichenden finanziellen Mög­lichkeiten zur allumfassenden Behebung der sozialen Pro­bleme der Schweizer in Ungarn verfügte."

An dieser Stelle sollte daran erinnert werden, dass sich in der fraglichen Zeit nebst einer grossen Zahl von in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Schweizern auch zahlreiche Geschäftsleute und Industrielle in Ungarn niedergelassen hatten. So etwa der Industrielle Abraham Ganz oder Emil Gerbaud, Begründer der berühmten Konditorei „Gerbaud“ in Budapest. Einer der geschichtlich interessanten und ausserhalb von Budapest lebenden Schweizer war Eduard (Ede) Weber aus Basel. Er gründete im Jahr 1892 nahe bei Kecskemét eine Siedlung, welche später zu seinen Ehren den Namen Helvécia¹ verliehen bekam. Er siedelte dort auf dem gegen die Reblaus resistenten Sandboden Weinbauern aus der Balatonregion an, welche infolge der in Europa wütenden Reblaus verarmt waren, und denen sich durch sein Engagement eine neue Perspektive eröffnete. 

 

Unvergessen in der Schweizerkolonie Ungarns ist der Schweizerdiplomat Carl Lutz, welcher während der Kriegsjahre insgesamt 62'000 ungarische Juden zu retten vermochte. Dank seinen Anstrengungen überlebte die Hälfte der jüdischen Bevölkerung von Budapest und wurde während des Holocausts nicht in die Vernichtungslager der Nazis deportiert. Carl Lutz wurde dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert, und von der jüdischehn Gedenkstätte Yad Vasem erhielt er den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern". In der Schweiz selber dauerte es allerdings geraume Zeit, bis seine Verdienste endlich anerkannt und gewürdigt wurden.

 

Eine sehr interessante Tatsache lässt sich übrigens einem Schreiben von Willy Leimbacher entnehmen, einem der Präsidenten des alten Vereins, datiert vom 6. Juli 1991. Auf eine Anfrage von Raymonde Berthoud äussert er sich zu der Auflösung des Unterstützungsvereins mit den Worten "Das ist mir neu". Und seine weiteren Ausführungen lassen dann recht klar erkennen, dass der Verein trotz offiziellem Verbot offenbar weiterhin existierte. Er selber amtierte bis zum Jahr 1954 als Vereinspräsident. Scheinbar war es also so, dass die Schweizer sich durch das vom kommunistischen Regime ausgesprochene Verbot nicht entmutigen liessen, und zumindest in einer gewissen Form weiterhin an ihrem Verein festhielten. Mit Sicherheit geschah dies "inoffiziell" und - um nicht die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen - eher in einem privaten Rahmen, also quasi im "Untergrund". Immerhin spricht Herr Leimbacher aber doch von Zusammenkünften in der Mátyás Pince, der Bundesfeier und von Weihnachtsfeiern in der Kirche.

An der behördlich verfügten Auflösung selbst lässt sich hingegen kaum zweifeln. Darauf hin weist insbesondere auch der Umstand hin, dass dem SVU nach seiner Gründung 1991 das Restvermögen des früheren Unterstützungsvereins übergeben wurde, welches nach dessen "Auflösung" (?) nach Bern abgeliefert werden musste. Der 1991 neu gegründete Schweizerverein Ungarn (SVU) brachte dieses Geld seinerseits ebenfalls in einen Unterstützungsfond ein, welcher bis gegen die Jahrtausendwende existierte. Immerhin wurden aus dem Fond im Jahr 1994 Unterstützungen im Betrag von 47'500 Forint ausgerichtet, im Jahr 1996 waren es 92'000 Forint. In der Regel handelte es sich um Beiträge an Heizmaterial (Brennholz), in Einzelfällen auch für Medikamente.

 

Abschliessend muss konstatiert werden, dass noch etwelche Fragen im Raum stehen, welche sich wohl nur befriedigend klären liessen, wenn man Zugriff auf eventuell noch vorhandene Akten erhielte.

 

Sollten Sie also selber im Besitz einschlägiger Dokumente oder relevanter Informationen sein, ist der Unterzeichnete dankbar für eine entsprechende Mitteilung oder Zusendung.

 

Budakeszi, im Juli 2018

Heinz W. Jüni
 

 

¹ Im Jahr 1998 war es mir vergönnt, für die erwähnte Gemeinde Helvécia, die immer noch sehr stolz auf ihre schweizerischen Wurzeln ist, eine Partnerschaft mit der Gemeinde Sirnach (Kanton Thurgau) zu vermitteln. Daraus resultierten nicht nur enge Beziehungen zwischen den beiden Gemeindebehörden, sondern es entstanden auch etliche persönliche Freundschaften, und letztlich findet seit Jahren ein regelmässiger Schüleraustausch statt.

Einige Infos dazu finden sie unter dem Titel "Die Gemeinde Helvécia" auf der Seite "Dokumente".